Protokollübersicht: KR-037
Erstellt: 2026.03.11
Version 1.0
Hypericum perforatum
Master-Monographie – Institutstandard (Q-Matrix)
Familie: Hypericaceae
Verwendete Pflanzenteile: Blühendes Kraut (Hyperici herba)
Relevante arzneistoffbezogene Inhaltsstoffe
– Hypericin
– Pseudohypericin
– Hyperforin
– Flavonoide (z. B. Rutin, Quercetin)
Q1 – Gerinnung
Keine primäre gerinnungshemmende Wirkung.
Indirekte Relevanz über CYP-Interaktionen bei Antikoagulanzien (Wirkabschwächung möglich).
Q2 – CYP-System (hochrelevante Primärachse)
Starke Induktion von:
– CYP3A4
– CYP2C9
– CYP2C19
– P-Glykoprotein
Folge:
Beschleunigter Abbau zahlreicher Arzneistoffe → Wirkverlust.
Klinisch relevante Interaktionen u. a. mit:
– Oralen Kontrazeptiva
– Antikoagulanzien
– Immunsuppressiva (z. B. Ciclosporin)
– Antiretroviralen Arzneimitteln
– Antiepileptika
– Antidepressiva
Interaktionen sind gut dokumentiert und klinisch relevant.
Q3 – CNS (Primärachse)
Untersuchtes Wirkprofil:
– Leichte bis moderate depressive Episoden
Mechanismen:
– Wiederaufnahmehemmung von Serotonin, Noradrenalin, Dopamin (v. a. Hyperforin)
Risiken:
– Serotoninsyndrom bei Kombination mit SSRI/SNRI
– Unruhe
– Schlafstörungen
Wirksamkeit bei leichten bis moderaten Depressionen belegt, nicht bei schweren.
Q4 – Immunsystem
Keine primäre immunmodulierende Achse.
Q5 – Kardio
Keine primäre kardiovaskuläre Indikation.
Indirekte Relevanz über Arzneimittelinteraktionen.
Q6 – Renal
Keine primäre nephrotoxische Wirkung dokumentiert.
Q7 – Gastro
Mögliche Nebenwirkungen:
– Übelkeit
– Mundtrockenheit
In der Regel gut verträglich.
Q8 – Endokrin
Indirekte Relevanz durch Wirkabschwächung hormoneller Kontrazeptiva.
Schwangerschaft: Anwendung nicht empfohlen (unzureichende Sicherheitsdaten).
Q9 – Hämatologisch
Indirekte Relevanz durch beschleunigten Abbau gerinnungsaktiver Arzneimittel.
Q10 – Dermatologisch
Photosensibilisierung möglich, besonders bei hohen Dosen.
Selten phototoxische Reaktionen.
Pharmakokinetische Hinweise
Hyperforin verantwortlich für CYP-Induktion.
Interaktionswirkung kann auch nach Absetzen mehrere Tage anhalten.
Extraktstandardisierung entscheidend für Vergleichbarkeit.
Risikogruppen
– Polypharmazie
– Antidepressiva-Therapie
– Immunsuppressive Therapie
– Orale Kontrazeptiva
– Helle Hauttypen (Photosensibilität)
– Schwangerschaft
Methodische Einordnung
Johanniskraut gehört zu den am besten untersuchten pflanzlichen Antidepressiva.
Wirksamkeit bei leichten bis moderaten Depressionen gut belegt.
Interaktionspotenzial über CYP-Induktion ist die sicherheitsrelevante Hauptachse und klinisch hochbedeutsam.
Abgrenzung: Oraler Extrakt vs. Johanniskrautöl
Bei Hypericum perforatum ist strikt zwischen systemisch wirksamen Trockenextrakten und dem topisch angewendeten Johanniskrautöl (Oleum Hyperici) zu unterscheiden.
Standardisierte orale Extrakte wirken systemisch und sind pharmakokinetisch relevant. Insbesondere die Induktion von CYP3A4, CYP2C9, CYP2C19 sowie P-Glykoprotein führt zu klinisch bedeutsamen Arzneimittelinteraktionen. Diese Interaktionsachse betrifft ausschließlich die orale Anwendung.
Johanniskrautöl hingegen ist ein lipophiles Mazerat zur äußerlichen Anwendung. Es wirkt lokal antiinflammatorisch und epithelisierungsfördernd. Eine klinisch relevante systemische CYP-Induktion ist bei sachgerechter topischer Anwendung nicht zu erwarten. Das zentrale Risiko des Öls liegt in der lokalen Photosensibilisierung behandelter Hautareale.
Aus arzneistoffbezogener Sicht handelt es sich daher um zwei unterschiedliche Anwendungsformen mit klar getrennten Risikoprofilen. Eine Gleichsetzung beider Präparate ist fachlich nicht korrekt.
Quellen
EMA Herbal Monograph: Hypericum perforatum L., herba.
ESCOP Monographs.
WHO Monographs on Selected Medicinal Plants.
Linde K et al. St John's wort for major depression – systematic review.
Zitierempfehlung
Kräuter und Risiken. Q1-01.
Version 3.0 Stand: Feb.2026 Verfügbar unter:
https://www.kraeuterundrisiken.com/Johanniskraut
Abrufdatum: 23.02.2026
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